
Zitieren sie diesen Text bitte folgendermaßen:
Barth, Sabine:
Echos aus der Vergangenheit.
In: Webportal für die Geschichte der Männlichkeiten des Instituts
für Geschichte der Universität Wien,
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/maennergeschichte/sozialisation/beziehungen_01.htm
ECHOS AUS DER VERGANGENHEIT
Am Anfang waren ZWEI - Mann und Frau.
Zwei Lebewesen schon in der Steinzeit mit unterschiedlichem
Aussehen und Benehmen.
Der Mann, ein muskulöser, starker Körper mit harten Gesichtszügen,
stacheligem Bartwuchs und meist einem ebenso stacheligen Charakter, schnell
aufbrausend, ungeduldig und der Anführer der Familie.
Die Frau, mit kleinerem, weicherem Körperbau ("weiblichen Rundungen"),
sanften Gesichtszügen, samtiger Haut und ruhigem (beruhigendem) Charakter,
mütterlich, geduldig und vor allem - dem Manne untertan.
Genauso stellen sich die meisten Menschen von heute unsere
ursprünglichen Urahnen vor.
Und genauso werden uns diese Urtypen von Männern (und Frauen) noch
heute in den Medien, in der Werbung und im gesamten Gesellschaftsleben
verkauft.
Jeden Tag springen sie uns entgegen, diese total männlichen
Typen.
Auf Werbeplakaten zum Beispiel - die Männlichkeit in Person: ein
Mann mit durchtrainiertem Körper, durchgetragenen Jeans, Hemd, Halstuch,
offener Jeansjacke, Cowboy-Hut und -natürlich nicht zu vergessen-
einer Zigarette in der Hand (es handelt sich bei diesem Beispiel um eine
Zigarettenwerbung). Das Ganze vor dem Hintergrund einer allem Anschein
nach unberührten, ursprünglichen Landschaft. Der Mann wird dargestellt
mit lockerer Körperhaltung. Er zeigt keine Anzeichen von Angst, Unsicherheit
oder Überforderung, aber ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit,
Überlegenheit und Nachdenklichkeit.
Gibt es heute nur dieses eine ursprüngliche Männlichkeitsbild
?
Diesen scheinbar von der Urzeit in die heutige Welt verlegten Typen, der
ganz alleine vorschreibt wo es lang geht und völlig selbstsicher
"seinen Mann steht"?
In diversen Frauenzeitschriften findet man oft kleine psychologische Tests,
deren Ergebnis Frauen zeigen soll, welcher Typ von Mann wohl am besten
zu ihnen passen würde.
Häufig läßt sich bei der Auflösung eine Einteilung
in verschiedene Männlichkeitstypen ablesen.
Beispielsweise kann eine Frau darin den sogenannten "Macho-Typ"
für sie als besonders anziehend entlarven. "Macho" heißt
dann ein patriarchalisch eingestellter Mann mit ursprünglichem Aussehen
(groß, stark, muskulös), der gerne "auf die Jagd geht"
(nur dass er keine großen Tiere mehr nach Hause schleppt, wie seine
Urahnen, sondern Frauen). Außerdem entpuppt er sich, falls er sich
doch einmal eine Frau länger halten sollte, als großer Haushaltsmuffel
(was ja mit seiner patriarchalischen Lebenseinstellung durchwegs als völlig
normal angesehen werden könnte).
Als nächsten Männlichkeitstyp kann man (frau)
den "Gentleman" auf der Liste finden. Ein Traumprinz mit zivilisiertem,
beherrschtem und höflichstem Auftreten, charmant, alle existierenden
Gesellschaftsregeln beachtend, wohlüberlegt handelnd und rational
denkend vermittelt er den Frauen in allen Bereichen Sicherheit (emotional,
gesellschaftlich und finanziell). Er überläßt seiner Zukünftigen
aber trotzdem Kindererziehung und Haushaltsführung (sofern dieser
Typ nicht Kindermädchen und Haushaltskraft bezahlt).
Das Gegenteil stellt der "Softie-Typ" dar.
Vermutlich entstanden aus der berühmt, berüchtigten 1968er-Generation,
zeigt dieser Typ von Mann die liebevollsten Seiten offen zur Schau in
dieser Welt. Er kümmert sich mit Hingabe um die gemeinsamen Kinder,
dabei besteht sogar die große Wahrscheinlichkeit, dass er die Kinderfürsorge
mittels Männerkarenz einmal intermittierend vollständig übernimmt.
Er kann perfekt den Haushalt führen, ist geduldig, pazifistisch eingestellt
und wird nie patriarchalische Gewalt in seiner Familie zum Einsatz bringen.
Bleibt dann zuletzt der "Intellektuelle-Typ".
In Büchern vergraben, nimmt er das andere Geschlecht etwas distanziert
wahr und wenn doch, dann um mit dem weiblichen (hoffentlich intelligenten)
Gegenüber ausführlichst über wissenschaftliche Themen und
neueste Forschungsergebnisse zu diskutieren. Dieser Typ Mann konzentriert
sich später einmal mit größter Leidenschaft auf die geistige
Entwicklung seiner Kinder und wird auf alle Arten und Weisen mit ihnen
24 Stunden pro Tag lernen, während die unbeteiligte Mutter der Kinder
unbemerkt den Haushalt führt.
Das also ist eine mögliche grobe Männlichkeitseinteilung
für Frauen in unserer derzeitigen, westlichen Gesellschaft, wobei
sich beobachten läßt, dass der Großteil dieser definierten
Männertypen durchwegs als patriarchalisch eingestuft werden kann.
Patriarchalisch geprägt war unsere europäische Gesellschaft
immer schon, auch wenn jede Epoche ihren eigenen Zugang zur Männlichkeit
(und Weiblichkeit) hatte.
Seit dem 16.Jahrhundert existiert der Begriff der Männlichkeit
(damals mannlichheit ) und beinhaltete Stärke, Kraft, Herrschaft
und Schutzfunktion.
Es gab zwei Idealtypen gleichzeitig: auf der einen Seite den Edelmann,
der die zivilisierte Gesellschaft verkörperte und auf der anderen
Seite den natürlichen Mann, der in der (und mit der) ursprünglichen
Natur lebte.
Über die Stellung der Frau wurde zu jener Zeit wenig gesprochen (im
Gegensatz zur späteren Aufklärung).
Die Geschlechtertrennung war noch kein vorherrschendes Thema.
Beispielsweise wurden Mann und Frau als gleichgroße Figuren, die
gemeinsam ihr Leben teilen auf Bildern dargestellt.
Die Frau besaß zwar sicher ihre "Rolle", diese wurde aber
nicht näher beleuchtet oder erklärt.
Einen großen Veränderungsschritt brachte dann
die Aufklärung.
Mit dem Aufkommen einer neuen Form der Staatlichkeit, des Bildungswesens
und neuer philosophischer Richtungen und Denkweisen beginnt eine anthropologische
Diskussion, die es bis dahin noch nie zuvor gegeben hatte.
Die Rollenunterschiede von Mann und Frau wurden erstmals genau zu erklären
und rechtfertigen versucht.
Die Aufklärung brachte eine strenge Geschlechtertrennung. Rollenmuster,
die man noch bis heute finden kann, wurden geschaffen. Die Frau gilt von
nun an als rein emotional und irrational, der Mann hingegen schafft sich
eine vernünftige Rolle.
"Vernunft" ist nun das zentrale Leitwort.
Auf Darstellungen und Bildern dieser Zeit ist das damalige Denkmuster
exakt abgebildet. Die Männer leben die Kultur und die Frauen bewegen
sich in dieser von den Männern geschaffenen Kultur.
In der Literatur bedient man sich zu dieser Zeit besonders gerne einer
metaphorischen Sprache. Spricht man beispielsweise von äußerer
Schönheit, ist eigentlich eine innere Tugendhaftigkeit gemeint.
Nachdem das körperliche Aussehen nun zum Sinnbild für
die inneren Werte wird, beginnt sich daraus langsam ein Körperkult
zu entwickeln - "Sport" entsteht. Sport, ein Begriff der von
einem Schriftsteller 1828 offiziell in die deutsche Sprache eingeführt
wurde und ursprünglich aus dem Frankreich des 11.Jahrhunderts stammen
soll ("desport" =Zerstreuung, Spaß, Erholung), wird von
nun an zu einem immer wichtigeren Männlichkeitsfaktor. Männlich
sein heißt sportlich sein.
Vom körperlich trainierten Männlichkeitsbild lief die Entwicklung
in den darauffolgenden Jahrzehnten (politisch effektiv beworben) rasch
hin zum militarisierten Mann.
Der Mann in der Rolle des Soldaten brachte eine nochmalige Verstärkung
des Patriarchats.
Nach dem 2.Weltkrieg dann schienen sich die Geister zu scheiden. Die Männerrolle
als Soldatenrolle wurde immer unbeliebter und der allgemein aufkommende
Unmut über das damalige, einseitige Rollenbild des Mannes stieg an.
Ein Versuch dieses starre Rollenmuster aufzubrechen wurde von der 1968er
Generation unternommen.
Ist dieses Vorhaben von damals gelungen??
Es ist erwiesen, dass heute bis zu 95% der Versorgung von Kindern und
Haushalt immer noch auf die Frauen fällt.
Interessant ist, dass Jahrhunderte zuvor die Rollenverteilung
als "von Gott gegeben" akzeptiert wurde, während man sich
heute diese Arbeitsaufteilung als "von der Evolution geprägt"
erklären will.
Mit der Evolution läßt sich so ziemlich jeder
geschlechtsspezifischer Unterschied erklären: Männer sind aggressiver,
weil sie ursprünglich für die Verteidigung der Gruppe und für
das Beschaffen von Nahrung durch Jagd verantwortlich waren und weil sie
gegeneinander um Frauen kämpfen mußten.
Frauen sind fürsorglicher, weil sie in erster Linie für die
Betreuung von Kleinkindern verantwortlich waren.
Männer sind an jungen Frauen interessiert, weil diese mit größerer
Wahrscheinlichkeit leichter Kinder gebären und Frauen bevorzugen
Männer, die gute Ernährer sind, weil diese ihnen mehr Unterstützung
gewähren und das Überleben ihrer selbst und ihrer Kinder sichern.
Seit seinem Erscheinen, angeblich vor ungefähr 100
000 Jahren, lebte der in heutiger anatomischer Hinsicht moderne Mensch
in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler.
Also: Die Männer jagen Tiere, die Frauen sammeln Wurzeln, Beeren,
Früchte, Nüsse und Gemüse.
Niemand weiß, wie oder weshalb es zu dieser Form der Arbeitsteilung
kam, doch als sie einmal etabliert war, benötigten beide Geschlechter
unterschiedliche Fertigkeiten.
Die Grundüberlegung einer Vielzahl von Forschern ist,
dass sich das männliche und das weibliche Gehirn aufgrund der Lebensumstände
vor Tausenden von Jahren in leicht unterschiedliche Richtungen entwickelte.
(Es wird unter anderem vermutet, dass das männliche Gehirn deshalb
auch ein bißchen geeigneter ist, Mathematik zu lernen, zumindest
in der Form, wie sie heute an den Schulen gelehrt wird.)
Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, mit denen wir
es heute zu tun haben, sind also angeblich Produkte des Zusammenspiels
aus Prädispositionen, die sich vor langer, langer Zeit bei Männern
und Frauen entwickelt haben.
Trotz aller Unterschiede, waren beide Geschlechter immer
gemeinsam ein Team.
Das Zusammenleben mit diesen Formen der Arbeitsteilung und Rollenteilung
funktionierte scheinbar problemlos.
Das System dieser Symbiose hat sich über die Jahrtausende hinweg
als erfolgreich erwiesen.
Plötzlich fällt diese Symbiose immer häufiger weg. Die
Anzahl der Singlehaushalte ist stark steigend, ebenso die Anzahl der Scheidungen.
Warum hört man in unserer Generation nun viele Menschen
von einer "Krise der Männlichkeit" sprechen?
Mit der Infragestellung der ursprünglichen Rollenverteilung und der
zunehmenden Gleichberechtigung kann man auch eine zunehmende Verunsicherung
im gesellschaftlichen Zusammenleben beobachten.
Frauen, die in unserer heutigen Zeit völlig alleine leben können,
nach eigenem Gutdünken durch Verhütung auch kinderlos, bewirken
bei den Männern offensichtlich eine Irritation.
Mehr als jemals zuvor in der Geschichte suchen Männer verzweifelt
nach einer neuen Selbstbeschreibung, nach einem in unserer Gesellschaft
anerkannten Männlichkeitstyp und sind damit vor große Rätsel
gestellt.
Aber auch die Frauen sind auf der verzweifelten Suche nach einer neuen
Identität. Oft wissen sie selbst nicht genau, wie der "neue
Mann" aussehen soll und genau hier liegt dann wiederum das Problem
für die Männer. Welchen Typ von Mann bevorzugen heutige, moderne
Frauen, wenn sie es selbst nicht einmal wissen?
Kann man also sagen, dass die Frauen für die "Krise des Mannes"
verantwortlich gemacht werden können oder wäre das wiederum
eine zu einfache Rechnung ?
Antworten auf diese und andere Fragen wird uns wohl erst ein "Rückblick
auf die Zukunft" liefern können.
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