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Zitieren sie diesen Text bitte folgendermaßen: Rhomberg, Wolfgang: Vaterschaft als ein Aspekt von Männlichkeit. In: Webportal für die Geschichte der Männlichkeiten des Instituts für Geschichte der Universität Wien, http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/maennergeschichte/rollen/familie_01.htm
Vaterschaft als ein Aspekt von Männlichkeit
Selbst wenn seine Glaubwürdigkeit von anderen Experten stark angezweifelt wird: Er behauptet er habe es geschafft. Das erste geklonte Baby komme im Januar zur Welt. Severino Antinori will ein Kind ohne Vater geschaffen haben. Neben ethischen Problemen werfen die Entwicklungen auf dem Gebiet der Gentechnik, insbesondere des Klonens, Fragen nach etwaigen gesellschaftlichen Auswirkungen auf. Bleiben die Väter in Zukunft auf der Strecke? Ihre biologische Funktion droht anfechtbar, ja sogar überflüssig zu werden. Schließt sich daran auch ihre Wertlosigkeit im sozialen Raum an? Überspitzt formuliert: Bedeutet die Beraubung der Männer ihrer biologischen Funktion, dass das „starke Geschlecht“ innerhalb der Familie keine relevante Funktion mehr hat? Das Klonen könnte auch als Symptom einer generellen „Krise der Väterlichkeit“ oder - etwas allgemeiner ausgedrückt – der Krise der Stellung des Mannes innerhalb der bürgerlichen Familie (sofern es diese noch gibt), gelesen werden. Die Psychoanalyse bescheinigt dem Vater entscheidende Wichtigkeit
in der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen (hier vor allem
von Jungen). Die Qualität der Vater – Sohn Beziehung bietet
sich somit auch als historisches Erklärungsmuster an. Ansätze, die in eine ähnliche Richtung gehen, stellen den Gebärneid des Mannes in den Mittelpunkt. Kurz gefasst gehen diese Theorien von der fundamentalen Feststellung aus, dass es dem Mann unmöglich ist, Kinder zu gebären. Quasi als „Ersatzhandlung“ habe er daher die gesamte öffentliche Sphäre der Institutionen, zudem das Recht, die Wissenschaft usw. erschaffen. Gewalt sei in der Folge zum institutionellen Normalbestandteil des bürgerlichen Lebens in männerdominierten Gesellschaften geworden. Unter diesem Blickwinkel wird etwa Auschwitz, das als ein Synonym für die unfassbarsten je von Menschen verübten Gräueltaten steht, auch zu einem Labor, das der Hervorbringung (Geburt!) der „Herrenrasse“ diente. Des Weiteren erfasst dieses Interpretationsmuster, das theoretisch sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens umschließt, auch Semantiken. Ich denke hierbei an „Little Boy“ (wie die erste Atombombe von ihren wissenschaftlichen „Vätern“ genannt wurde) oder an das Diktum der „Geburt der Nation“ (was wiederum auf die männlich konnotierte öffentlichen Sphäre zurückverweist). Neben den obigen Annäherungen an die Vaterschaft, die im Grunde auf der Psychoanalyse fußen, kann das Thema auch aus kulturwissenschaftlicher bzw. historischer Sicht beschrieben werden. Väterlichkeit als kulturelles Konstrukt ist eine komplexe soziale Tatsache die mannigfache Bezüge zu anderen historischen Faktoren in sich trägt. Das Folgende soll diese These untermauern. Vergleiche mit der Konzeption der Vaterschaft bzw. der Stellung
des Mannes innerhalb der frühneuzeitlichen Familie, wie es weiter
unten versucht wird, sind erstens interessant und führen zweitens
die historische Wandelbarkeit sozialer Beziehungen plastisch vor Augen.
Diese genuin jüdische Vorstellung von Väterlichkeit kann von den Christen nicht mehr ein-geholt werden. In der Folge kommt es zu einem Demontageprozess der an dieser Stelle allerdings nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden kann. Noch in der Frühen Neuzeit bildet die theologische Trias Gott – Vater – Sohn die Grundlage für das alltägliche Verständnis von Vaterschaft. Dies belegt etwa die Lebensbeschreibung Benvenuto Cellinis (1500-71). Er war ein florentinischer Goldschmied und Bildhauer, dessen Autobiographie für eine Geschichte der Paternität herangezogen werden kann. Für Cellini war die Vater – Sohn Beziehung eine natürliche Pflicht. Die Vaterfigur fügt sich zwischen der göttlichen Ordnung des Kosmos und dem jungen Benvenuto als Vermittlungsinstanz ein. Der Vater wird als eine wichtige Größe im Rahmen der Familiengeschichte angesehen. Die Stellung des Vaters gegenüber dem Sohn war durch das magische Weltverständnis mitbestimmt: Er besitzt als Mittler der Stimme Gottes magische Fähigkeiten. Der Kern der alttestamentarischen Vorstellung tritt noch deutlich zu Tage. Eine weitere wesentliche Komponente der Stellung des Mannes
in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit findet sich im Ehrkonzept
wieder, das eine universale Strategie des wischenmenschlichen Umgangs
war. „Ehre wird (...) als mehrstufiges komplexes Kommunikationssystem
zur Regelung sozialer Beziehungen konzeptionalisiert und funktioniert
dabei als Code, der die Transformation bestimmter gesellschaftlicher Funktionen
in eine andere Semantik erlaubt, so dass Konflikte zu einer Frage der
Ehre umformuliert und ausgetragen werden.“ Es gibt auch eine bestimmte
Geschlechterehre, die sich auf die frühneuzeitliche Konzeption von
Vaterschaft auswirkt. Die Jungfräulichkeit der Frau wurde als ständig gefährdet angesehen. Männer bedrohten ie Sexualehre der Frauen, waren zugleich aber auch die Verteidiger ihrer Sexualehre. Letzteres vornehmlich in der Rolle des Familienvaters. Im 18. Jahrhundert wurde die Familie als „Pflanzschule“ der bürgerlichen Gesellschaft verstanden. Das Rousseau’sche Erziehungsideal, welches sich in seinem Roman „Emile“ wiederfindet, lehnt die traditionelle Unterordnung unter den Vater ab. Es ging sogar so weit, dass die Verantwortung für die Pflege des Kindes während der ersten Lebensphase auf die Eltern aufgeteilt wurde. Zudem war schon ein Charakteristikum der Vaterschaft, wie sie uns heute in weiten Teilen der Gesellschaft gegenübertritt, grundgelegt: Die Funktionsübertragung auf andere Institutionen (Erzieher, Mutter,...). Der Abbau der Funktionen der väterlichen Rolle findet
seinen vorläufigen Höhepunkt in denallseits bekannten Grundformen
der Französischen Revolution: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“.
Dies ist gleichbedeutend mit der Zerstörung des weiter oben skizzierten
(jüdischen) Vaterprinzips. „Die Freiheit entbindet von der
Bevormundung durch den Vater, die Gleichheit zerstört den Respekt
vor der Leistung des Vorfahren, und die Brüderlichkeit lässt
nur noch eine Verwandtschaftsbeziehung zu, diejenige innerhalb derselben
Generation.“ An der Wende zum 19. Jahrhundert existieren im Großen und Ganzen zwei Typen von bürgerlichen Familien. Eine Form, die die neuen Erziehungswerte noch nicht zur Kenntnis enommen hat, in der sich der Hausvater auf uneingeschränkte Autorität berufen konnte. Zum anderen eine Form, in deren Rahmen sich der Vater gemäß den Rousseau’schen Er-ziehungsidealen verhält. Wichtig ist, dass sein Beruf und seine Bürgerpflichten noch nicht den Raum einnehmen, wie es wenige Jahre später der Fall sein wird. Denn mit der Industrialisierung kommt es zu einer Ausweitung der bürokratischen Verwaltungsapparate und die Grenzen des Erwerbs- und Familienlebens werden stärker markiert. Der Vater wird nun primär zum Berufsmensch und gleichzeitig wird die Frau für ihre Aufgaben als Mutter und Gattin „freigemacht“. Wesentlich ist der Übergang von der familialen Hausgemeinschaft des frühen 19. Jahrhunderts zur Repräsentationsform des späten 19. Jahrhunderts. Die Frauen sind im späten 19. Jahrhundert de facto ohne Produktionsfunktionen und alleinverantwortlich für die Erziehung der Kinder. Die Vaterpflichten treten in den Hintergrund. Die Idee, dass die Frauen am besten für die Erziehung der Kinder verantwortlich sind, setzt sich im Bürgertum durch. Ein Appell an das Pflichtbewusstsein der Mütter schließt sich an, hinzu kommt eine Sentimentalisierung des Mutter – Kind Verhältnisses. In Hinblick auf die Rolle des Vaters ist entscheidend, dass den Ehefrauen nun vornehmlich die Aufgabe zufällt, die Karriere des Mannes zu unterstützen. Aus dieser Epoche stammt die bis heute weitgehend unbezweifelte „natürliche“ Bindung zwischen der Frau und ihrem Kind. Die Männer rücken an die Peripherie der auf Emotionalität gegründeten Familie. Die Theorie Freuds („Ödipus Komplex“) dürfte eine Reaktion auf den Ausschluss des Vaters aus der Mutter – Kind Dyade sein.Das Männerideal des 19. Jahrhunderts untersagt denn auch den Männern das Zeigen von Gefühlen - Aktivität und Stärke sind gefragt. Es gilt seiner eigenen Gefühle „mannhaft Herr zu werden“. Im Vergleich zum 18. Jahrhundert taucht nun vermehrte Zurückhaltung, Ernsthaftigkeit und Nüchternheit im Spektrum männlicher Verhaltensweisen auf. Dieses Verhaltensmuster traf vor allem die Söhne, da für sie die Väter ja ein Vorbild für ihr eigenes Verhalten waren. Der Vater tritt als oberste Instanz der Familie auf den Plan. Die Funktionen der Vaterschaft sind bis zum Ende des 19. Jahrhundert also im wesentlichen auf zwei andere Träger übergegangen: Zum einen auf die Mütter, die nun die vaterlosen Söhne erziehen. Zum anderen hat „Vater Staat“ wichtige Funktionen übernommen. Letzterer Aspekt vor allem im sogenannten Proletariat, wo der Arbeiter aufgrund ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse kaum noch Zeit für seine Kinder findet. Es überrascht denn auch nicht, wenn die endgültige Demontage der Vaterrolle von Seiten des Kommunismus erfolgt. Die Zwangsläufigkeit der Familienabwesenheit des Mannes wurde gewissermaßen zum Normalfall, zur Norm, erhoben. Die kleinste Produktionseinheit des kapitalistischen Wirtschaftssystems sollte zerstört werden um den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu ermöglichen. Diese sozialistische Auffassung ist übrigens eine wesentliche Wurzel späterer vaterfeindlicher Denkströmungen. Die „vaterlose Gesellschaft“ wie sie in
den letzten Jahren allenthalben beklagt wird, hat nicht nur in ihren Grundzügen
schon im 19. Jahrhundert existiert. Sie ist kein neues, postmodernes Phänomen.
Sicherlich, in den letzten Jahren haben sich noch einige Veränderungen
eingestellt. Die Grundstruktur der Vaterlosigkeit ist aber schon seit
langem vorbereitet. Lösungen bieten sich nur in einem neuerlichen Aufbau bzw. der Übernahme verlorengegangener Rollenaspekte durch Männer an. Ohne die Mithilfe der Frauen wird dies kaum möglich sein. Somit stellt die historisch gewachsene Vaterlosigkeit nicht (nur) ein Männerproblem dar, das im Interesse beider Geschlechter einer Lösung bedarf. |
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