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Zitieren sie diesen Text bitte folgendermaßen: Stumvoll, Silke: Rezension von „Die Kreuzersonate“ von Leo N. Tolstoj sowie Analyse der darin enthaltenen Männlichkeitsmodelle. In: Webportal für die Geschichte der Männlichkeiten des Instituts für Geschichte der Universität Wien, http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/maennergeschichte/rezensionen/tolstoj_01.htm „Die Kreuzersonate“ von Leo N. Tolstoj und die darin enthaltenen Männlichkeitsmodelle
Zum Werk. Kurzbiographie
von Leo Tolstoj. Das Leben von Posdyschew – Eine Buchbeschreibung mit der darin enthaltenen Männlichkeitskonzepten Die Erzählung eines Eheverlaufs mit tödlichem Ausgang wird von einer Rahmenhandlung umgeben. Während einer Zugfahrt erzählt der Russe Posdnyschew seinem Gegenüber seine trostlose Lebens- und Ehegeschichte. Mit dieser Geschichte wird ein Bild der Problematik der Liebe zwischen Mann und Frau gezeichnet, bzw. die Unsinnigkeit einer Institution wie der Ehe aufgezeigt. Posdyschew beginnt seinem Gegenüber seine Lebens- und
Leidensgeschichte zu erzählen, als er zufällig Zeuge eines Gesprächs
zwischen den Zugpassagieren über die eheliche Liebe wird. Posdyschew
mischt sich erregt in die Konversation ein und widerspricht der Dame,
die behauptet, das eheliche Glück sei nur durch die Empfindung der
wahren Liebe garantiert. Daraufhin widerspricht er und führt als
Argument an, dass wahre Liebe nicht möglich sei. Die Frau solle dem
Manne in Furcht untertan sein (1) und
wenn sie ihren Mann nicht liebt, dann müsse sie ihn zu lieben lernen.
Besonders charakteristisch ist die Aussage des Mannes, als ein Passagier
die Frage aufwirft, wie sich denn die Liebe entwickelt, wenn die Frau
ihrem Manne untreu wird. Daraufhin sagte Posdyschew :“Das darf nicht
sein, da muss der Mann aufpassen“ (2)
Im 19. Jahrhundert, wo dieses Erzählung spielt, galt der Mann als
das Oberhaupt der Familie. Er war für das Einkommen, für den
Wohlstand und auch für die Ehre der Familienmitglieder zuständig.
Die Frau hatte für den Haushalt und für die Kinder zu sorgen.
Auch musste sie die Verantwortung für die Ehre der Familie mittragen.
So war es unverzeihlich, wenn sie ihrem Manne untreu wird. Dafür
hat der Mann Sorge zu tragen, denn wenn seine Frau ihn betrügt, ist
nicht nur seine eigenen Ehre, sondern auch die Ehre der gesamten Familien
in Schande gefallen. Posdyschew missfällt jedoch auch die Doppelmoral,
die zur damaligen Zeit herrschte. Einerseits treten die Männer als
adrette, wohlerzogene Männer von Welt auf, um den unschuldigen, liebreizenden
und vor allem jungfräulichen Mädchen den Kopf zu verdrehen,
wahrlich nur mit dem Ziel eine anständige, ihrem Stand entsprechende
Frau zu heiraten, und andererseits suchen sie ihre Erfahrungen im Umgang
mit Prostituierten oder Mädchen unter ihrem Stande, die sie oftmals
nur als bloßes Genussmittel betrachten. Die Mädchen hingegen
werden von ihren Eltern, im Grunde genommen von der gesamten Gesellschaft,
ohne Aufklärung und Vorsichtsmaßnahmen in eine Ehe „verkauft“.
So beschreibt Posdyschew die Ehe als einen Kaufvertrag: „Dem Lüstling
wird ein unschuldiges Mädchen verkauft, und an den Handel knüpfen
sich bestimmte Formalitäten“. (3) Auch das Kennenlernen seiner zukünftigen Frau charakterisiert
Posdyschew nur als das bloße körperliche Verlangen. Der Mann
begehrt den Leib, aber nicht die Frau selbst. Die Liebe, die der Jugend
als Idealbild vorgegaukelt wird, ist im Endeffekt nichts anderes als der
Wunsch der Inbesitznahme einer bestimmten Frau. Das Verlieben vergleicht
er mit dem Fallen stellen.(5) Die Frauen
stellen Fallen aus, indem sie sich „herausputzen“ und wenn
der Mann nicht aufpasst, schnappt die Falle zu und die Ehe ist beschlossene
Sache. Die einzige akzeptable Art der Ehe wäre für ihn jene,
die auf geistiger und intellektueller Ebene geschlossen wird. Doch in
seinem eigenen Fall beschreibt er, wie mühselig es für ihn und
seine Verlobte es war, miteinander ein Gespräch zu führen, da
sie zwei Fremde waren, die im Grunde genommen nichts gemeinsam hatten.
Bereits während der Flitterwochen beginnen die heftigen
Streiterein, die in leidenschaftlichen Versöhnungen im Bett enden.
Später wird Posdyschew bemerken, dass er seiner Frau niemals nachgeben
wollte, da sie dies als ein Gefühl des Demütigens deuten könnte.
Dies wäre unvorstellbar für ihn gewesen, dass er sich vor seiner
Frau demütigen könne, und so seine Ehre verletzt werden würde.
(6) Hier tritt ganz deutlich das Männlichkeitsprinzip
zu Tage, deren oberstes Prinzip die Ehre ist. Der Mann darf seine Unfehlbarkeit
nicht einmal vor seiner eigenen Gattin verlieren, selbst vor ihr muss
er der makellose, perfekte Mann von Welt sein. Daraus kann man schließen,
dass eigene Gefühle nicht einmal innerhalb der Familie thematisiert
worden sind. Die einzelnen Familienmitglieder leben ihr Leben nach gesellschaftlichen
Normen und Konventionen, und versuchen Probleme mit sich selbst auszumachen,
aber alles innerhalb der eigenen Person auszutragen, oder zumindestens
nichts nach außen dringen zu lassen. So beschreibt auch Posdyschew,
dass er überzeugt sei, dass von hundert Ehepaaren 99 die selben Qualen
in der Ehe leiden, wie er sie zu leiden hat. Rücksichtslos schiebt
er seiner Frau „den schwarzen Peter“ zu. Sie sei, wegen ihres
schwierigen Charakters, der Grund warum es immer wieder zu Perioden der
Erbitterung kam, die durch Perioden der Liebe abgelöst wurden.(7)
Im Grunde aber schlägt im Laufe seiner Ehe immer mehr der gegenseitige
Hass der Ehepartner durch und vergiftet die Situation.(8)
Für mich ist besonders die Erzählweise eindrucksvoll. Alles, von der Liebe zwischen zwei Menschen, bis hin zu dem grenzenlosen Hass, den die Ehepartner verspüren, schildert Tolstoj die Geschehnisse mit einer unglaublichen Distanz zu den tragischen Entwicklungen. Besonders im Gedächtnis haften geblieben ist mir jener Satz, mit dem Posdyschew die wahre Liebe charakterisiert: „Liebe ist die ausschließliche Bevorzugung eines oder einer vor allen anderen.“ (15) Dieser Satz drückt die Nüchternheit besonders deutlich aus. Ich habe dieses Werk ausgewählt, da ich mir der autobiographische
Zug Tolstoj’s gut gefällt. Es ist interessant, einmal ein Schriftstück
zu lesen, dass nicht die Liebe als das höchste Glück auf Erden
definiert, sondern sich kritisch mit den daraus gewordenen Aspekten beschäftigt
und versucht diese zu analysieren. Eine Biographie
Tolsstoj’s? 1. Tolstoj charakterisiert in seinem Nachwort die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Geschlechtsverkehr für den gesundheitlichen Zustand des Menschen als für unabdingbar machen. Der außereheliche Kontakt ist natürlich nur für die Männer gestattet, und verpflichtet diese lediglich zu einer Geldausgabe, gerade so, als wäre es natürlich und selbstverständlich Frauen auf diese Art und Weise zu erniedrigen. Auch Tolstoj erwähnt hier die Ärzte und Behörden als diese den Zustand der gesellschaftlichen Sittenlosigkeit fördernde Institutionen. Als Lösungsvorschlag meint Tolstoj, dass das einfachste Gebot der Moral die Enthaltsamkeit sein. Die Lebensenergie sollte man viel besser in eine natürliche Lebensart investieren, die sich durch körperliche Arbeit, durch regelmäßige, nicht allzu üppige Kost und reine Gedanken auszeichnet. 2. Die sexuelle Liebe gilt als das höchste und edelste Glück, aber auch Vergnügen. So wurde die eheliche Untreue bei allen Bevölkerungsschichten zu einer gewöhnlichen Einstellung. Tolstoj übt Kritik, indem er für eine Änderung der Ansichten über die sexuelle Liebe plädiert. Liebe, die rein auf Fleischeslust aufgebaut ist, stellt den Menschen auf die Stufe des Tieres herab, und erniedrige das Menschheitsgeschlecht. 3. Durch das Verwenden von Verhütungsmittel hat die sexuelle Liebe ihren einzigen Legitimationsgrund verloren. Sexuelle Kontakte sollten nur die Reproduktion als Ziel haben. Außerdem verurteilt der russische Literat den fortwährenden Geschlechtsverkehr während der Schwangerschaft und der Stillzeit auf das Heftigste. Daraus folgt er, dass Enthaltsamkeit auch in der Ehe das oberste Gebot sein sollte. 4. Kinder sollen nicht in Hinblick auf das eigenen Vergnügen erzogen werden, sondern man müsse sie für die Aufgaben des menschlichen Lebens vorbereiten und zu vernunftbegabten und liebenden Wesen erziehen. 5. Er verurteilt außerdem den Müßiggang der Männer und Frauen, der einzig und alleine dem puren Vergnügen dient. Die besten Kräfte des Menschen sollten auf körperliche, produktive Arbeit verwendet werden. Anstatt dessen widmen die jungen Männer jedoch die beste Zeit ihres Lebens der Wahl, dem Aussuchen und der Inbesitznahme einer jungen Frau. Daraus entstehe ein Bedarf nach sinnlichem Luxus wie Kleidern, Schmuck und Amüsements. Anmerkungen: (1)Seite 17 (2)Seite 18 (3)Seite 48, im Geschpräch mit seinem Gegenüber. (4)Seite 30 (5)Seite 41 (6)Seite 79 (7)Seite 79 (8)Seite 78 (9)Seite 68 (10)Seite 70 (11)Seite 84 (12)Seite 110 (13)Seite 118 (14)Seite 135 (15)Seite 21 (16)Seite 153 : Nachwort Literatur: Leo N. Tolstoj, Die Kreuzersonate, Frankfurt am Main, 1961 Walter Erhart (Hrgs), Britta Herrmann, Wann ist der
Mann ein Mann, Zur Geschichte der Männlichkeit, Stuttgart, 1997 |
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