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Zitieren sie diesen Text bitte folgendermaßen:

Grabenschweiger, Andreas:

Rezension von Gottschalchs "Männlichkeit und Gewalt". In: Webportal für die Geschichte der Männlichkeiten des Instituts für Geschichte der Universität Wien,

http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/maennergeschichte/mentales/gewalt_01.htm


Rezension von Wilfried Gottschalchs

"Männlichkeit und Gewalt"

 


Wilfried Gottschalch fragt sich im vorliegenden Buch entgegen der mehr oder weniger allgemein vorherrschenden Meinung, ob Männlichkeit und Gewalt tatsächlich so eindeutig miteinander identifiziert werden können. Als Ausgangspunkt für seine Betrachtungen des Themas stellt er zwei Hypothesen auf: Erstens, der Hintergrund der Männlichkeit ist weiblich. Zweitens, die Gewalt hat ein Janusgesicht, sie zeigt einmal männliche, ein andermal weibliche Züge.
Inhaltlich ist das Buch ist in drei große Sektionen eingeteilt: „Die Landkarte“ (Kapitel 1-3), „Unterwegs. Gewalt im Lebensgang“ (Kapitel 4-12) und „Zum Beschluss“ (Kapitel 13).
Im ersten Abschnitt „Die Landkarte“ widmet sich Gottschalch zunächst den verschiedenen Bedeutungen der zwei Kernwörter. In Kapitel 1 verweist er darauf, dass der Begriff der Gewalt nicht nur negativ besetzt sein muss; sie kann ebenso freundlich und schützend sein. Oft werde sie auch mit Kraft und Macht gleichgesetzt, ferner mit der Aggression. In Hinblick auf letzteres allerdings trifft der Autor eine Differenzierung, denn für ihn hat die Gewalt, in der man „ruhen“ kann, eine eher statische Komponente, während er die Aggression als dynamisch ansieht. Die Gewalt hänge somit eher mit der Soziologie zusammen, die affekt- bzw. triebbestimmte Aggression mit der Psychologie. Drei Arten von Gewalt unterscheidet Gottschalch voneinander: Physische Gewalt, wie sie uns in der Alltagssprache begegnet; psychische Gewalt, die nicht so augenscheinlich sei aber letztlich zu ersterer führe; strukturelle Gewalt, die sich allerdings nicht in der Form Mensch gegen Mensch äußert, sondern indirekt durch gewisse gesellschaftliche, ökonomische oder kulturelle Gegebenheiten. Physische Gewalt brauche als Voraussetzung körperliche Überlegenheit über das Opfer, wogegen physische oft das Mittel der Schwachen sei.
Im zweiten Kapitel geht der Autor auf den Männlichkeitsbegriff ein. Das Wort „Mann“ meint laut dem Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm zwar zuerst „den Menschen ohne Berücksichtigung des Geschlechts“, weist aber dann doch auf den Mann und seine ihn gegenüber der Frau hervorhebenden Eigenschaften hin. Obwohl man im täglichen Leben zahlreichen „Mischformen“ begegnet, also Männer und Frauen mit unterschiedlich stark ausgeprägten männlichen und weiblichen Zügen, bestehen in unserer patriarchalischen Gesellschaft zahlreiche, historisch bedingte geschlechtsspezifische Zuschreibungen: Männlichkeit wird mit Außen, Produktion, Arbeitswelt, Härte und Distanz assoziiert, Weiblichkeit mit Innen, Konsumtion, Familie, Solidarität und Intimität. Grob gesagt stehe Männlichkeit also für das Aktive, Weiblichkeit für das Passive; ein Grund weshalb beide Geschlechter die Weiblichkeit ablehnten. Die Frauen einerseits, oft enttäuscht wegen der mangelnden Gleichstellung der Geschlechter, identifizieren sich mit den Männern und blicken auf typisch weibliche Aufgaben wie Haushalt und Kindererziehung herab; die Männer andererseits verleugnen und fürchten oft ihre als unmännlich angesehenen weiblichen Seiten, was zur Gewalt als Mittel zur sexuellen Befriedigung führen kann.
In Kapitel 3 wendet sich der Autor den methodischen Problemen seiner Untersuchung zu. Um den Fehler der einseitigen Betrachtung zu vermeiden, bedient er sich der sogenannten komplementaristischen Methode nach Georges Devereux. Dieser hielt für die Analyse menschlicher Phänomene einen „doppelten Diskurs“ für nötig, d.h. eine Erklärung in zwei Bezugssystemen. Gottschalch verwendet demnach für die Erforschung sozialer Konflikte die Soziologie, für innere Konflikte die Psychoanalyse, da beide die Wechselwirkung zwischen Umwelt und Individuum widerspiegeln.
Mit dem zweiten, umfangreichsten Abschnitt des Buches, „Unterwegs. Gewalt im Lebensgang“, beginnen die eigentlichen Betrachtungen von Männlichkeit und Gewalt. In Kapitel 4, „Mutter und Sohn“, widmet sich Gottschalch der Ambivalenz, die das Kleinkind gegenüber seiner Mutter zeigt. Ein pränatales Seelenleben vorausgesetzt, entwickelt das Neugeborene schon beim Geburtsakt den „Urhass“, da es von der Mutter aus dem sicheren, warmen Uterus in einen unbehaglichen Zustand entlassen wird. Es werde also auf Grund der nun erlittenen Not, die sich beispielsweise in Angst, erhöhter Atemtätigkeit und Entleerung von Blase und Darm äußert, aggressiv geboren. Der Säugling erlebt die Mutter als „gute Brust“, wenn sie all seine Begierden stillt, als „böse Brust“, wenn sie sich verweigert. Auf erstere reagiert er spontan mit Liebe und Dankbarkeit, auf die zweite ebenso spontan mit maßloser Wut. Nur langsam wird er fähig, Liebe und Hass zu vermischen; also eine sogenannte Ambivalenztoleranz zu entwickeln. Er wird sich seiner wütenden Attacken bewusst, gerät in eine depressive Position und erwirbt die Fähigkeit zur Wiedergutmachung. Das Bedürfnis des Kindes, auf eigenen Füßen zu gehen und die Welt zu entdecken, bewirkt nach Meinung Gottschalchs eine Verstärkung der Ambivalenz gegenüber der Mutter. Dieses Streben nach Autonomie, das sich bis zur Adoleszenz fortsetzen wird, verbindet er mit Trennungsschuld und Abhängigkeitsscham, in die das Kind folglich gerät. Um negative Konsequenzen dieser Scham (Depersonalisation, Mangel an Verständlichkeit, Schamlosigkeit oder narzisstische Wut) zu verhindern, ist ein „liebevoller Kampf“, d.h. eine gegenseitige Befreiung voneinander nötig, was schließlich aus der Abhängigkeit zum Anderen eine Verpflichtung diesem gegenüber macht.
Im nächsten Kapitel, „Der Sohn-Vater-Konflikt“, schildert Gottschalch, wie dem Sohn im Zuge des Ödipuskomplexes mit dem Vater ein sexueller Rivale erwächst. Dieser versucht, Mutter und Kind aus ihrer Zweisamkeit herauszulocken; das Mutter-Kind-Paar zur Vater-Mutter-Kind-Gruppe, d.h. zur Familie zu erweitern. Gelingt ihm das, erfolgt beim bis jetzt in der „Weibchenhaftigkeit“ versunkenen männlichen Kind eine Trennung der männlichen und mütterlichen Identität. Schafft er es nicht, ist der Vater schwach oder überhaupt nicht vorhanden, läuft das Kind Gefahr in der Mutter-Sohn-Zweiheit zurückzufallen oder zu verharren. In diese Zeit fällt auch die Zeit der Bildung des „Überichs“, das Freud als Erbe des Ödipuskomplexes betrachtete. Im idealtypischem Verlauf verinnerlicht der Knabe die Elternautorität und wandelt dessen aggressive Komponenten, den Hass gegen die Eltern, in Gewissensstrenge gegen sich selbst um.
Kapitel 6, „Geschwisterrivalität“, widmet sich den Reaktionen des Jungen, wenn ein kleines Geschwisterchen in sein Leben tritt, was natürlich mit Einschränkungen verbunden ist. Hier erweitert sich der Ödipuskomplex zum Familienkomplex. Der Ältere hat den Wunsch, den unliebsamen Konkurrenten zu beseitigen; kompensiert durch den Bemächtigungswunsch, bei dem er sich teilweise mit dem Vater identifiziert und das Geschwisterchen als Herrschaftsobjekt betrachtet. Gottschalch nennt drei Aufgaben, die für eine positive Bewältigung des Bruder-Schwester-Konflikts wichtig sind: Erstens, die Umkehr von Neid, Eifersucht und Gier in Brüderlichkeit; zweitens, die Linderung der narzisstischen Verletzung des Bruders, nicht gebären zu können; drittens, die Überwindung der Inzestneigung durch Hinwendung zu anderen Mädchen und Frauen.
Im 7. Kapitel unternimmt der Autor einen „Exkurs über die Familie“. Diese Institution ermöglicht es dem Säugling, „menschlich zu werden“, einerseits durch ein gewisses Vertrauen, damit es das Leben nicht fürchtet, andererseits durch die Zuweisung eines sozialen Ortes, einer sozialen Gruppe. Gleichzeitig beginnt neben dieser „Sozialisation“ die „Enkulturation“, in deren Verlauf sich der Mensch unbewusst kulturelle Fähigkeiten und Inhalte seiner Kultur durch Nachahmung und Verinnerlichung aneignet. Die Familie, der Ort dieses Aufbaus der sozial-kulturellen Persönlichkeit, sieht sich der Meinung Gottschalchs nach in den heutigen Industriegesellschaften großen gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber: Das allmähliche Schwinden kirchlicher Wertvorstellungen, beschleunigte soziale Mobilität, ein längeres Eheleben auf Grund der gestiegenen Lebenserwartung, Probleme mit der Erziehung der Jugendlichen, da diese bei längerer Ausbildung länger von den Eltern abhängig bleiben sowie das Wachstum der Frauenbewegung durch die Einbeziehung in den Arbeitsmarkt. Der Kapitalismus fördert die Ausbreitung der Kernfamilie – d.h. die Gemeinschaft von Mann, Frau und unverheirateten, unmündigen Kindern – im Gegensatz zur größeren, weniger mobilen Verwandschaftsfamilie. Dies erklärt sich der Autor durch die Tatsache, dass die Kernfamilie die „billigste Agentur der Gesellschaft“ für den Aufbau der sozial-kulturellen Persönlichkeit sei, was im Kapitalismus entscheidend sei.
In Kapitel 8, „Zwischen Zuckertüte und Schülerterror“, geht Gottschalch auf die Schulzeit ein. Sie dauert heute länger als früher und umfasst die Latenzphase, die Pubertät und einen Teil der späten Adoleszenz. In diesem Zeitraum wird die kindliche Sexualität eingeschränkt, der Sexualtrieb wird durch Schwellen wie Ekel, Scham sowie ästhetische und soziale Anforderungen kultiviert. Der soziale Ort der Latenzphase, also zwischen dem dritten, vierten Lebensjahr und der Pubertät, ist die Schule. Sie ist in Gottschalchs Sicht für die Kinder nicht nur der Ort von Lehren und Lernen, sondern auch „ein emotionales Schlachtfeld“ – so ist denn die Familie für viele ein Rückhalt bei den meist unvermeidlichen Schülerkrisen. Besonders zwei Probleme hebt der Autor hervor: Erstens, in Kindergruppen – speziell bei Jungen – werden wenig individuelle Freiheiten gewährt; viele verstecken ihre Weichheit vor den anderen, geben sich ebenso robust und werden dabei nur allzu oft in eine pseudomännliche Haltung getrieben. Zweitens, die labile Sexualkultur mit ihrer unzureichenden Aufklärung, die immer noch nur die biologische Vorgänge und Sexualtechniken erklärt und die emotionalen Aspekte vernachlässigt, wird kritisiert, da unzählige Heranwachsende mit ihren ersten sexuellen Erfahrungen oft hilflos konfrontiert werden. Angesprochen wird auch die „antisoziale Tendenz“, die sich bei Kindern in dieser Zeit entwickeln und durch Stehlen, Zerstören oder Provokation manifestieren kann; häufig auf Grund eines emotionalen Verlustes. Gottschalch vermutet darin einen unbewussten Hilferuf an die Umwelt, sich um den Betreffenden zu kümmern.
Kapitel 9, „Das Ringen um die Geschlechtsidentität“ beschreibt die Konflikte des Jungen, wenn er sich von der anfänglichen, durch die Identifizierung mit der Mutter bedingten „sexuellen Dualität“, bei der er sowohl alle männlichen und weiblichen Eigenschaften für sich fordert, löst. Er verspürt Eifersucht und Neid gegenüber der Weiblichkeit, aber auch Angst vor ihr, was zu Selbsthass und Frauenhass führen kann. Gottschalch bezieht sich auf Helene Deutsch, für die Frauen die Repräsentantinnen des sozialen Patriarchats sind (weil sie ihre männlichen Wünsche oft auf ihre Söhne projizieren und dadurch unbewusst das Patriarchat verlängern), Männer die des psychischen Matriarchats (weil sie häufig in Gruppen geraten, der sie sich wie einer Übermutter unterordnen).
Im folgenden Kapitel, „Schöpferische Zerstörung“ ist der Kapitalismus das Thema. Diesen begreift Gottschalch als einen Prozess der schöpferischen Zerstörung, der unaufhörlich alte Strukturen zerstört und durch die „Durchsetzung neuer Kombinationen von Dingen und Kräften“ neue schafft. Für die einen bedeutet das Aufstieg, für die anderen Ausgrenzung und Abstieg (durch den Verlust des Jobs); was auch zum „sozialen Sterben“ führen kann. Diesen Begriff übernimmt der Autor von Mario Erdheim und Maja Nadig, die damit jenen Prozess bezeichnen, in welchem die sozialen und kulturspezifischen Rollen zerfallen, unbewusste Werte und Identitätsstützen ins Wanken geraten. Trotz einer daraus resultierenden Krise kann „soziales Sterben“ auch neue Perspektiven eröffnen und produktive Kräfte freisetzen.
Das elfte Kapitel behandelt das „Primat der Bürokratie“. Gottschalch meint, dass ohne ein Minimum an „brauchbarer Illegalität“ in der Bürokratie soziale Systeme nicht funktionsfähig sind; als Beispiel hierfür nennt er soziale Berufe, in denen Beamte zwischen der Identifizierung zwischen ihrer Institution und den Klienten stehen. Weiters weist er auf die Gefahr narzisstischer Persönlichkeiten in Führungspositionen hin, denen es nur um primitive Macht über andere geht. Mit dem Hinweis auf das Extrem von Schreibtischtätern und verwaltetem Massenmord im Dritten Reiches warnt er vor einem Verlust der individuellen Identität und einem kollektiven Narzissmus, der eine irrationale Reaktion auf soziale Nöte darstellt.
Das letzte Kapitel des zweiten Abschnitts, „Es kommt kein Morgen mehr“, widmet sich Gottschalch den letzten Jahren des Menschen. Auf Grund der Vergreisung der Gesellschaft hat das Alter heute keinen Seltenheitswert mehr und erfährt keine höhere Wertschätzung mehr im Gegensatz zu früher. Manche blicken auf ein unerfülltes Leben zurück, haben nie richtig gelebt und fürchten den Tod am meisten. In der Infantilisierung der Alten erkennt der Autor eine große Gefahr, die dem Betreffenden auch die letzte Würde nimmt. Als Konsequenz davon verfallen manche in Apathie, andere in narzisstische Wut. Letztere zielt dann entweder auf die Vernichtung des Beleidigers (Mord) oder auf die Selbstvernichtung des Beleidigten (Selbstmord).
Im einzigen Kapitel des dritten Abschnitts, „Skeptische Gelassenheit“, blickt der Autor zurück auf seine Erfahrungen mit Männlichkeit und Gewalt. Er lässt ein offenes Ende, da seine Erkundungen diesbezüglich noch nicht abgeschlossen sind.
Der Autor bemüht sich merklich, möglichst viele Aspekte zur Erhellung seiner Annahmen zusammenzutragen. Bevor seine eigentlichen Ausführung über die Thematik beginnen, schafft er mit der Betrachtung der zwei Begriffe „Gewalt“ und „Männlichkeit“ eine Basis, von der er ausgehen und immer wieder zurückkehren kann. Der von ihm verwendete „doppelte Diskurs“ wird konsequent verfolgt, die eingangs erwähnten zwei Kernhypothesen werden in jedem Kapitel aus einem anderen Blickwinkel gesehen und nachvollziehbar belegt. Obwohl es anfänglich den Anschein hat, dass die Kapitel 10 und 11 über Kapitalismus und Bürokratie aus dem Rahmen fallen, ergänzen sie das Gesamtbild letztlich doch sinnvoll, da sie sich (neben der physischen und psychischen) eben auch der strukturellen Gewalt widmen. Gottschalch bedient sich zahlreicher historischer, soziologischer, psychoanalytischer und literarischer Quellen, um die vielen Facetten der Gewalt in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, wobei er sich aber manchmal spürbar aus dem Kontext fallen lässt und abschweift. Nichtsdestotrotz ist das Buch meiner Ansicht durchaus zu empfehlen, da es verständlich und interessant geschrieben ist; Gewaltvoyeure, die auf Grund des Titels hoffen, publizistisch bedient zu werden, sollten von dieser Lektüre allerdings die Finger lassen.

Literatur:

Gottschalch, Wilfried: Männlichkeit und Gewalt.Eine psychoanalytisch und historisch soziologische Reise in die Abgründe der Männlichkeit; Juventa Verlag, Weinheim und München 1997