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Zitieren Sie diesen Text
bitte folgendermaßen:
Drechsel, Simone:
Lebensbeschreibung des Joachim Nettelbeck. In: Webportal für die
Geschichte der Männlichkeiten des Instituts für Geschichte der
Universität Wien,
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/maennergeschichte/biographien/nettelbeck_01.htm
Lebensbeschreibung des Seefahrers,
Patrioten und Sklavenhändlers
JOACHIM NETTELBECK
Lebensdaten
1738 Am
20. September wird Joachim Christian Nettelbeck als Sohn des Schuhmachers
und späteren Branntweinbrenners Johann David Nettelbeck und seiner
Frau Katharina Sophie Greiffen in Kolberg geboren.
1750 Auf einer Reise mit dem Onkel entwischt der elfjährige
Nettelbeck in Amsterdam und macht auf einem fremden Schiff seine erste
Seereise nach Guinea und Surinam. Nach Kolberg heimgekehrt besucht er
für kurze Zeit noch die Schule, bevor sein Seefahrerleben beginnt.
1757 Nettelbeck flieht vor preußischen Werbern aus Kolberg.
1762 Er heiratet zum ersten Mal. Die Ehe wird später geschieden.
1775 Beendet seine Seefahrerlaufbahn und lässt sich als Bauer
und Branntweinbrenner in Kolberg nieder.
1799 Nettelbeck heiratet zum zweiten Mal, die Ehe wird nach kurzer
Zeit ebenfalls geschieden.
1805 Nettelbeck wird in Kolberg Segelhausältester und als
solcher Mitglied des Seegerichts und königlicher Schiffsvermesser.
1806/7 Bei der Belagerung der Festung Kolberg durch die Franzosen
dringt Nettelbeck gegen den Widerstand des Kommandanten Loucadou auf Beteiligung
der Bürgerschaft an den Verteidigungsmaßnahmen und findet schließlich
bei Gneisenau, der im April 1807 Loucadous Nachfolger wird, Unterstützung.
Der Einsatz bei der Verteidigung Kolbergs begründet seinen Ruhm als
"Bürgerpatriot".
1810 Nettelbeck wird Ratsherr in Kolberg
1814 Er heiratet zum dritten Mal. Aus dieser Ehe geht eine Tochter
hervor.
1824 Am 29. Januar stirbt Nettelbeck in Kolberg.
1821 wurde seine Lebensbeschreibung zum ersten Mal veröffentlicht.
Sie besteht aus 2 Bänden. Die Aufzeichnungen enden im Jahr 1775,
als Nettelbeck der Seefahrt entsagt und an Land Branntweinbrenner wird.
Nettelbeck bricht seine Lebensgeschichte gerade dort ab, wo die Geschichte
seiner Berühmtheit beginnt. Bei der Verteidigung seiner Heimatstadt
Kolberg gegen die napoleonische Armee im Jahr 1806/07.
"Sind
in der Folge meines Lebens Verhältnisse eingetreten, wo mein Name
für einige Augenblicke aus der Dunkelheit hervorgetreten zu seyn
scheint, wozu Natur und Schicksal mich wohl eigentlich bestimmt hatten:
so fühle ich doch gar wohl, wie wenig es gerade mir geziemen würde,
über diese Periode und über mich selbst zu sprechen, wo das,
was mir Schuldigkeit und Bürgerpflicht zu thun geboten, leicht als
Prahlerei erscheinen könnte."[1]
Band I (Seite 11 - 181)
"Am 20esten September 1738 ward
ich zu Colberg gebohren, und bekam dann den Taufnamen Joachim. Mein Vater,
Johann David Nettelbeck, war hier Bauer und Brandtweinbrenner und stand
bei der Bürgerschaft in besonderer Liebe und Anhänglichkeit.
Dies Glück ist mir von ihm übererbt, und genieße es noch
jetzt, in meinem Alter, bei meinen lieben Mitbürgern. Meine Mutter
war aus des Schiffers Blanken Geschlecht." [2]
So beginnt Nettelbeck seine Lebensbeschreibung. Es ist gleichzeitig auch
das einzige Mal, dass er den Namen des Vaters erwähnt, danach spricht
er nur noch vom "Vater". Seine Mutter erwähnt er nur hier
und ganz später noch einmal. Ihren Namen nennt er nicht, nur aus
welcher Familie sie stammt. Auch die Großeltern, "väterlicher
Seits", bei denen er aufwächst werden nur als "Großvater"
und "Großmutter" bezeichnet. Durch den Großvater
bekommt er einen Zugang zur Natur und entwickelt dabei eine Liebe zum
Garten - Wesen. In diesem Zug berichtet er auch ausführlich, als
die erste Kartoffel nach Kohlberg kommt.
"Die Herrn vom Rathe zeigten nunmehr
der versammelten Menge die neue Frucht vor, die hier noch nie ein menschliches
Auge erblickt hatte." ">>Die Dinger<< - hieß
es - >riechen nicht, und schmecken nicht; und nicht einmal die Hunde
mögen sie fressen."[3]
Damit war das Urteil über die Kartoffel gesprochen und wurde nur
unter Drohungen und Strafen unbeholfen angebaut.
Nettelbeck beschreibt dann zahlreiche Ereignisse und Unternehmungen, die
er mit einem Freund oder alleine unternahm. Nicht selten gab es dafür
Ohrfeigen oder Schläge vom Vater. Sieht diese Maßnahme auch
als verdiente Strafe an. Doch er habe schon sehr früh gewusst, dass
er nur Seefahrer werden wolle und sonst nichts. So unternahm er auch alles
Mögliche um dies zu erlernen. Und so kommt es, dass er mit 11 Jahren
seine erste Schiffsreise nach Amsterdam auf dem Schiff seines Onkels unternahm.
Dort bekommt er den "Glaubens Artikel" der Seeleute zu hören,
dass nur ein Seemann, der nach Ost- und West-Indien gesegelt war, als
echter Seemann gilt. So beschließt er das Schiff seines Onkels ohne
Erlaubnis zu verlassen und auf einem dieser Schiffe anzuheuern. Dort verschafft
er sich durch die Notlüge, dass sein Onkel ihn geschlagen hätte
einen Mitreisemöglichkeit.
Seine Eltern und den Onkel lässt er in dem Glauben,
dass er ertrunken sei. Doch die Reise geht nicht nach Westindien sondern
nach Surinam. Auf dieser Fahrt lernt er Kameradschaft den Tot aber auch
die strenge Zucht auf den Schiffen kennen. Als einer der Matrosen seinen
Dienst nicht ordentlich versah, wurde er sogleich mit Rutenschlägen
bestraft.
"Dies Pröbchen von strenger Subordination
mag zugleich beweisen, mit welchem Ernst und Regelmäßigkeit
der Dienst auf holländischen Schiffen damals versehen wurde, daher
ich auch stets auf denselben die beste Ordnung gefunden habe."[4]
Als er aber wieder in Amsterdam ankommt, schickt er einen
Brief nach Hause. Gleich darauf wird ihm befohlen sofort nach Hause zu
kommen. Kaum zu Hause angekommen wird er konfirmiert und muss auch wieder
zur Schule gehen. Doch es hält ihn nicht lange und er unternimmt
erneut eine Schiffsfahrt mit dem Onkel. Auf dieser Reise begleiten ihn
auch sein jüngerer Bruder und der 14jährige Sohn des Onkels.
Doch auf der Reise passiert durch ein Unwetter, dass der Onkel schwer
Stürzt.
Nettelbeck und die Mannschaft können das Schiff noch an Land bringen,
doch sie befinden sich nun als Preußen in Feindesland. Nettelbeck
und die beiden Jungen schaffen es dann den Onkel in ein Kloster zu bringen.
Dieser stirbt dort doch an den Folgen des Sturzes und die Drei müssen
ihn beerdigen.
"Sobald auch nur das Grab so tief geöffnet
war, daß der obere Sargdeckel unter Erde kommen konnte, senkten
wir die Leiche mit Weinen und Wehklagen hinein, füllten die Erde
drüber her, nahmen unter tausend heißen Tränen Abschied."[5]
Hier schämt er sich nicht über die Gefühle und die Tränen
zu schreiben.
Danach macht sie Ratlosigkeit breit unter den Jungen. Denn
sie haben kein Geld und Betteln kommt für sie nicht in Frage. Dennoch
müssen sie aber wieder nach Hause kommen. Mit Hilfe von mitfühlenden
Menschen und Bekannten schafft es Nettelbeck wie durch ein Wunder sie
nach Hause zu bringen. Doch kaum dort angekommen muss er wieder fliehen.
Denn die königlichen Werbern halten sich in Kolberg auf. Die Familie
hilft ihm dabei. Es galt nicht als Schande, sich vor dem Militärdienst
zu drücken. So geht er wieder zur See. Um jedoch bald wieder vom
Vater nach Kolberg zurück beordert zu werden, da die Gefahr bestand,
von den Russen belagert zu werden.
"Es sey also das Best, daß ich nach Hause
käme, um mit meinen Eltern zu leben und zu sterben. Schlüge
ich jedoch diese Ermahnung in den Wind, so möcht ich auch fernerhin
nimmer wagen, mich seinen Sohn zu nennen."[6]
Das Soldatenleben wurde gemieden, doch hier ging es
um die Verteidigung der Heimatstadt durch die Bürger, was als eine
Art Ehrensache galt. Patriotismus. Spricht dann immer wieder seinen Patriotismus
an, aber auch seine Treue zum preußischen König.
Er erzählt dann von den verschiedensten Schiffsfahrten und von den
unterschiedlichsten Leuten, denen er dabei begegnete und auf ihn Eindruck
machten, im positiven wie im negativen Sinn. Diese Personen werden immer
namentlich, soweit er sich noch an deren Namen erinnern kann erwähnt.
Dabei berichtet er aber auch von gefährlichen Situationen, die aufgrund
seines klaren Verstandes gemeistert wurden, während die anderen dabei
den "Kopf verloren" haben. Achtet dabei oft nicht auf die eigene
Sicherheit. So berichtet er wie er half ein gestrandetes Schiff wieder
flott zu machen.
"Je mehr der Mensch (der leitende Offizier des
Schiffes) vorher den Kopf verloren hatte, um so gewisser erschien ich
ihm jetzt als ein Engel vom Himmel." "Fiel mir um den Hals,
und drang mir sogar seinen Stock auf, mit der Bitte, Alles zu commandiren
und anzuordnen, wie ich es für das Beste erachten würde."[7]
Als das Schiff gerettet war, bekommt Nettelbeck eine
ganze Ladung voll Lebensmittel als Dankeschön und auch ein Billet
mit, das ihm in der Zukunft noch manchen Vorteil erbrachte.
Unvermittelt erwähnt er hier auch, dass er geheiratet hat. Ohne das
der Leser davor von einer Frau erfahren hätte. Liebe, Sexualität
werden gar nicht erwähnt, auch nicht, dass er Vater wurde. Der Junge
wird dann einfach im Zuge einer gemeinsamen Fahrt erwähnt. Auch die
beiden werden nicht namentlich genannt.
Band II (Seite 181 - 356)
Dieses beginnt mit einem neuen Lebensabschnitt von Nettelbeck
- als Sklavenhändler. Er rechtfertigt sich auch zugleich und erklärt,
dass dieser Beruf damals noch nicht negativ belegt war und auch der Ehre
eines Mannes nicht schadend. Wobei er sich bei der Beschreibung der Situation
der Sklaven auf dem Schiff und der Wert eines Sklaven sehr ausführlich
hingibt.
Nettelbeck unternimmt dann wieder einige Fahrten,
zu den entlegensten Häfen. Dabei erwirbt er sich den Ruf, ein korrekter
und besonnener Seefahrer zu sein. So kommt es, dass er einen großen
Auftrag bekommt. Doch zuvor wird er unwissend mit anderen Kapitänen
bei einem Abendessen getestet.
"Und so artete es, nach aufgehobener
Tafel, bald in ein Bacchanal aus, wo weder Maaß noch Anstand mehr
beobachtet wurde. Bei mir, der ich genau das Maaß kannte, welches
ich nicht überschreiten durfte, um bei Verstand und Ehren zu bleiben,
gieng jedoch belad jedes gute, wie jedes böse Wort des Gastgebers
verloren. >>Basta! Und keinen Tropfen mehr!<<"[8]
Nettelbeck bringt die Ware unbeschadet an ihrem Bestimmungsort ab. Wobei
ihm während der Fahrt selber nicht ganz wohl ist, wegen dem Wert
der Fracht. Er schreibt, dass er sogar angst ausgestanden hat und die
Nerven fast mit ihm durchgingen. Hängte vom Ankommen dieser Ware
ja auch sein guter Ruf ab.
Danach segelte er nur noch zwischen Hamburg und Lissabon
hin und her. Dabei trifft er auf einen alten Bekannten, der nun für
die Engländer arbeitet. Als er diesen jedoch auf sein Schiff einlädt,
beleidigt jener sein Schiff. Was Nettelbeck ihm nicht verzeihen kann.
"Ich will nicht läugnen, dass dieser Hochmut
(wofür ich es hielt) mich einwenig verdroß, und dass ich mein
Schiff nicht verachten lassen wollte."[9]
Nettelbeck bricht den Kontakt nach diesem Treffen ab.
Er setzte seine Ehre mit der seines Schiffes gleich. Wird dieses beleidigt,
so wird auch er indirekt beleidigt. Nach einigen weiteren Fahrten und
Problemen wegen einer Kollision mit einem anderen Schiff in Lissabon beschließt
er dann im Jahr 1775 die Seefahrt aufzugeben und sich als Brandtweinbrenner
in seiner Heimatstadt Kolberg nieder zu lassen.
Der göttliche Wille und Leitung Gottes werden
sehr oft betont und hervorgehoben durch direkte Anrufung Gottes. Die ganzen
Seefahrer sind sehr abergläubisch. So glauben sie auch an den Teufel
und Gotteslästerung wird bestraft. Vor allem in gefährlichen
Situationen wendet er sich an Gott und schließt eine mit ihm einen
gegenseitigen Vertrag ab. Er beruft sich aber auch auf Gott als sein Zeuge.
"Gott wird mir jedoch meine Sünde vergeben,
da er am besten weiß, daß ich dies Unglück nicht aus
Muthwillen, sondern gänzlich wider meinen Wunsch und Willen verschuldet!"[10]
Er beendet sein Werk auch mit dem Ausspruch:
"Wohl aber mag ich auch sagen: Gott hat große
Dinge an mir gethan; der Name des Herrn sey gelobet!"[11]
Danach legt er nur noch kurz dar, warum er gerade
hier sein Werk abbricht. Wurde zu Anfangs schon erklärt. Der letzte
Absatz ist eine Art Rechtfertigung, alles getan zu haben, um seine Ehre
und das Vertrauen der Mitmenschen zu bewahren.
"Meinen heimlichen und Missgönnern muß
ich es gestatten, im Stillen über mich zu richten und mich zu verurtheilen.
Öffentlich aber werden sie schwerlich gegen mich auftreten, um meine
Ehre anzutasten, die ich bis zu meinem letzten Athemzuge darinn setzen
werde, ein begeisterter Verehrer meines guten und mannlichen Königs
und des gesammten Preußischen Regenten - Hauses, ein getreuer Unterthan,
ein dankbarer Sohn meiner geliebten Vaterstadt, ein exemplarischer Bürger,
der Freund meiner Freunde, und im Großen, wie im Kleinen, ein ehrlicher
Mann zu seyn."[12]
Literatur und Anmerkungen:
[1] J.C.L.
Haken (Hg.), Lebensbeschreibung des Seefahrers, Patrioten und Sklavenhändlers
Joachim Nettelbeck. Frankfurt am Main 1992, 355-356.
[2]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 13.
[3]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 16.
[4]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 167.
[5]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 47.
[6]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 74.
[7]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 97.
[8]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 287.
[9]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 331.
[10]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 205.
[11]J.C.L Haken (Hg), Joachim Nettelbeck,
F/M 1992, 355.
[12]J.C.L
Haken (Hg), Joachim Nettelbeck, F/M 1992, 356.
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